Berlin/Bonn/Hamburg, den 25. Oktober 2015

Sehr geehrte Damen und Herren,

es folgt eine Pressemitteilung des Organisatoren der Roses Revolution - Aktion gegen Gewalt in der Geburtshilfe.

Schluss mit Misshandlung schwangerer Frauen

WHO sieht Folgen für Mütter und Kinder – Betroffene protestieren am 25. November mit der Roses Revolution

Beleidigendes Verhalten und Körperverletzung von Frauen durch Geburtshelfer sind erschreckend normal. Es wird gesellschaftlich akzeptiert, dass Frauen während der Geburt ihres Kindes misshandelt werden. „Geburt tut halt weh“, heißt es im Allgemeinen, auch in Deutschland.

Dass dieser Zustand nicht länger so hingenommen werden soll, erläutert eine Erklärung der Gesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO). In dieser heißt es: „Frauen in aller Welt erfahren unter der Geburt in geburtshilflichen Einrichtungen eine missbräuchliche und vernachlässigende Behandlung. (...) Ein Umgang dieser Art kann sowohl für die Mutter als auch für den Säugling unmittelbar negative Folgen haben.“

Das Europäische Network of Childbirth Associations (ENCA) hat „Gewalt in der Geburtshilfe“ zum Thema seiner nächsten Konferenz gemacht und pünktlich zur Frankfurter Buchmesse ist ein Buch mit Berichten betroffener Eltern und Geburtshelfer erschienen (C. Mundlos: „Gewalt unter der Geburt: Der alltägliche Skandal“ Tectum Verlag).

Das Problem wird sichtbarer. Bestärkt durch die WHO-Erklärung und die beginnende gesellschaftliche Anerkennung der Missstände wird am 25. November 2015 zum dritten Mal die Roses Revolution Deutschland begangen – die Aktion gegen Gewalt in der Geburtshilfe.

Weltweit legen Frauen am 25. Nov. eine rosafarbene Rose vor die Tür, hinter der ihnen während der Geburt ihres Kindes Gewalt angetan wurde. Wer mag, schreibt einige erklärende Zeilen auf einem zu diesem Tag passenden Briefpapier dazu und macht ein Foto, welches über soziale Netzwerke verbreitet wird und die Aktion dokumentiert.

Seit 2013 haben Hunderte von Frauen Rosen vor die Türen der Kreißsäle gelegt. Dieses Jahr werden es noch mehr sein. Das Bewusstsein wächst, dass körperliche Unversehrtheit und das Grundrecht auf Aufklärung, Information und Einverständniserklärung auch für schwangere Frauen und Gebärende gilt.

Immer mehr Frauen sind bereit, zu berichten und die Übergriffe auch öffentlich anzuklagen.

Mascha Grieschat vom Roses Revolution Team fordert: „Die physische, psychische und verbale Gewalt muss benannt werden, um sie konsequent im Kreißsaal zu vermeiden."

Dr. Katharina Hartmann, Initiatorin der Roses Revolution Deutschland, erklärt: „Oft wird aus Routine Gewalt: Für die Geburtshelfer kann ein Ablauf völlig normal sein, der von der betroffenen Frau als traumatischer Übergriff auf ihren Körper empfunden wird. Ein Beispiel dafür sind die vaginalen Untersuchungen zur Feststellung des Geburtsfortschrittes.“ So berichtete im letzten Jahr ein Frau: „Es wurde ein Ultraschall und eine vaginale Untersuchung vorgenommen. Die Untersuchung empfand ich als schmerzhaft, ich verzog das Gesicht. Darauf hin sagte die Ärztin: ‚Das tut Ihnen schon so weh? Das kann ja noch was werden!’ Als ich aufstand war Blut zwischen meinen Beinen.“ Viele Frauen stellen die Behandlung nicht in Frage, obwohl sie sich misshandelt fühlen. Denn ein solcher Umgang wird von der eigenen Umgebung und auch den Geburtshelfern als völlig normal hingestellt. „Das ist es aber nicht!“, so Katharina Hartmann. „Für eine gesunde Geburt braucht es mehr, als dass Mutter und Kind überleben – es ist an der Zeit, dass wir endlich achtsam mit den werdenden Müttern und ihren Kinder umgehen! Die Berichte der Frauen zeigen, dass Gewalt in der Geburtshilfe derzeit auch in Deutschland ein gesellschaftlich akzeptiertes Massenphänomen ist. Experten schätzen, dass 10-25% aller gebärenden Frauen betroffen sind. Das muss anders werden!“ Für die Betroffenen ist die Aktion ein wichtiger Teil der Trauerarbeit. „Uns kontaktieren viele Frauen und erzählen, wie tröstend sie die Niederlegung der Rosen empfunden haben“, berichtet Frau Dr. Hartmann weiter. „Sie haben das Gefühl, dadurch einen Teil ihrer Würde wieder zu erlangen.“

Die Diplom-Psychologin Claudia Watzel ergänzt: „Frauen, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexuelle Gewalt erfahren haben, sind in besonderem Maße auf eine feinfühlige Betreuung während der Geburt angewiesen, um die Gefahr einer Retraumatisierung mit all den damit verbundenen Risiken für Mutter und Kind so gering wie möglich zu halten."

Mascha Grieschat fügt hinzu: „Viele Mütter, die Misshandlungen unter der Geburt erleben, leiden auch noch Jahre später unter den Erlebnissen, bei manchen Paaren ist die Eltern-Kind-Bindung erschwert. Die Roses Revolution ermöglicht, mit anderen Betroffenen in Kontakt zu kommen. Es wurden schon Selbsthilfegruppen gegründet." Aber die Roses Revolution gibt auch den Geburtshelfern eine Rückmeldung: Erhält ein Kreißsaal eine Rose, ist dies ein Grund, über das eigene Handeln nachzudenken. Denn es gibt eine Frau, welche die Behandlung als Misshandlung empfunden hat. Was kann verändert werden, um in Zukunft Misshandlungen zu vermeiden? „Oft sind es kleine Veränderungen“, sagt Frau Dr. Hartmann „die den Unterschied machen: beispielsweise Frauen vor Eingriffen um Erlaubnis fragen und ihnen genau erklären, was gerade passiert, wie es das geltende Patientengesetz auch eigentlich vorschreibt. Ein Eingriff wird dann als entwürdigend empfunden, wenn die Frau entmündigt wird und sich behandelt fühlt wie ein Stück Fleisch.“

Zudem fordert die Roses Revolution auch eine strukturelle Veränderung: Die 1:1 Betreuung durch eine Beleghebamme, die die Frau vor der Geburt schon kennen lernt, gibt es in der deutschen Geburtshilfe bei wachsendem Kostendruck und Haftpflichtproblemen immer seltener – aber sie ist ein wirksames Mittel gegen Gewalt. „Die seit Monaten vertraute Frau, deren Sorgen und Ängste ich als Geburtshelfer kenne, behandle ich anders als eine völlig Fremde. Das beugt Misshandlung vor. Bei dem herrschenden Personalmangel und den anonymen Betriebsabläufen einer Klinik, geht die Menschlichkeit leicht verloren“, so Frau Hartmann.

WHO-Erklärung (2015): Vermeidung und Beseitigung von Geringschätzung und Misshandlung bei Geburten in geburtshilflichen Einrichtungen http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/134588/22/WHO_RHR_14.23_ger.pdf?ua=1 Ansprechpartnerinnen:

Dr. Katharina Hartmann (Political Activism Coordinator von Human Rights in Childbirth Deutschland) www.humanrightsinchildbirth.com

Mascha Grieschat (Gründerin „Gerechte Geburt“) www.gerechte-geburt.de

Dipl.-Psych. Claudia Watzel (Mother Hood e.V.) www.mother-hood.de

Facebook: Roses Revolution Deutschland

Web: www.rosesrevolution.com

 

Tipp von Sternenkind.info: die DVD  Die Hebamme - Auf Leben und Tod berichtet über eine in sich selbst geschlossene Gewaltspirale: Schwangere, welche in einem sozialen Projekt ihr Kind zur Welt bringen, werden zeitgleich ohne ihr Wissen für Forschungsarbeiten missbraucht bzw. die Gesundheit und das Leben von Ihnen bzw. ihrer Kinder geopfert. Die Forschung und Medizin macht es möglich.

 

Für Sternenkind.info sammelt Gunnhild Fenia Tegenthoff u.a. Fotos, welche hier veröffentlicht werden: