Krone 23.1.2016

Begleitet von Anwalt gunther Ledolter (Kanzlei Rath & Partner) erzählten Evelin und Doris erstmals ihre Geschichte. "vielleicht kommt ja so etwas ins Rollen."

 

"Mein Kind bleibt mein Kind"

Vor 25 Jahren wurden zwei Babys vertauscht - jetzt sprechen erstmals die Mutter und ihre 'falsche' Tochter.

Der Fall sorgt weltweit für Schlagzeilen: In der Grazer Uniklinik wurden 1990 zwei Babys vertauscht. Der Albtraum aller Eltern ist für eine Steirein aus dem Bezirk Hartberg - Fürstenfeld zum persönlichen Schicksal geworden.

2012 erfährt die heute 50 jährige Evelin Grünwald, dass sie ein fremdes Kind aufgezogen hat. Seit drei Jahren sucht sich Antworten. Jetzt schildert die Mutter und Tochter der Kroneredakteurin Barbara Winkler erstmals ihre unglaubliche Lebensgeschichte.

 

Frau Grünwald, Ihre Tochter kam am 31. Oktober 1990 zur Welt. Welche Erinnerungen haben Sie an den Tag der Geburt?

Evelin: Bei der letzten Untersuchung in der 37. Schwangerschaftswoche wurde bei mir ein ungewöhnlich hoher Blutdruck gemessen. Weitere Tests wurden gemacht und man hat mich daraufhin mit dem verdacht auf eine Schwangerschaftsvergiftung ins LKH Graz gebracht. Ursprünglich wollte ich ja, nachdem wir in der Oststeiermark zu Hause sind, mein Kind im Landeskrankenhaus Fürstenfeld bekommen.

 

Was ist dann passiert?

Evelin: In Graz wurde ich eingehend untersucht. Ich habe zu diesem Zeitpunkt noch immer gehofft, dass ich wieder nach hause kann und meine Schwangerschaft normal zu Ende geht. Aber elider musste ich bleiben. man fand heraus, dass etwas nicht stimmt, außerdem war das Kind zu klein, weshalb die Ärzte schnell handeln mussten.

 

Ein Kaiserschnitt war vermutlich die Folge?

Evelin: Genau. Leider. Am meisten Angst hatte ich vor der Vollnarkose. Es ist aber schließlich alles gut verlaufen, mein Kind kam um 19.19 Uhr gesund zur Welt.

Was ist Ihre erste Erinnerung nach dem Aufwachen aus der Narkose?

Evelin: Ich weiß noch dunkel, das mir gesagt wurde, Gratulation, Sie haben eine Tochter. Mein Mann un dich wollten das Geschlecht vorher nicht wissen. Ich wollte mich bedanken, aber ich war körperlich nicht imstande, konte nicht sprechen. Das war im Aufwachraum. Da muss es etwa halbzehn am Abend gewesen sein. Ein wenig später ist mein mann zu mir gekommen und hat gesagt: 'Evelin, groß icst sie nicht, aber lieb.'

 

Wann konnten Sie Ihr Baby das erste Mal selbst im Arm halten?

Evelin: Am Tag der Geburt gab es leider noch keinen Kontakt. Am nächsten Ttag, das war also der 1.November, war's endlich so weit. Seitens des Personals hat mir leider den ganzen Tag niemand das Kind gebracht. Selber aufstehen konnte ich wegen des Kaiserschnittes nicht. Also muste ich warten, bis mein Mann kommt. Am Nachmittag sah ich meine Tochter schließlich zum allerseten Mal.

 

Und ab diesem Zeitpunkt ist für Sie, so nehme ich an, eine Verwechselung ausgeschlossen?

Evelin: Absolut. Ab diesem Moment ist eine Verwechslung unmöglich. Dass weiß wohl jede Frau, die schon einmal ein Kind bekommen hat. Und auch jeder Vater.

 

Das bedeutet, dass der Zeitraum, in dem die Verwechslung passiert sein muss, auf wenige Stunden einzuschränken ist?

Evelin: Richtig, mehr als 20 Stunden können es einfach nicht sein.

 

Dass heißt aber auch, das die Aussage der Klinikleitung, wonach gar nicht feststünde, dass die Verwechslung im Spital passiert sein muss, Sie ärgert und verletzt?

Evelin: Ja, das empfinde ich schon als Ungerechtigkeit. Maint man etwa, ich hätte Tage, Wochen, Jahre später mein eigenes Kind irgendwo anders verwechseln zu können? Das ist lächerlich.

 

Szenenwechsel ins Hier und Jetzt. Wie haben Sie erfahren, dass Ihr Kind nicht ihr leibliches ist?

Evelin: Ich habe Doris immer gedrängt, Blut spenden zu gehen, weil ich finde, dass das wichtig ist als Dienst am Mitmenschen. Na ja, und im Herbst 2012 hat sie das dann auch gemacht. Ein paar Tage nach diesem Termin ruft mich meine Tochter an und sagt: Mama, da stimmt etwas nicht.

 

Was war passiert?

Evelin: Sie hat den Blutspendeausweis zugeschickt bekommen, worin vermerkt war, dass sie die Blutgruppe 0 positiv habe. Wir wusten aber auf Grund der Aufzeichnungen im Mutter - Kind - Pass, dass Doris A negativ hat. Zumindest glaubten wir das bis dahin.

 

Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Evelin: Gar nichts, wir dachten an einen Irrtum.

 

Und dann?

Evelin: Der Test wurde wiederholt, zusätzöich ein DNA - test gemacht. Dabach stand natürlich fest - mein Mann und ich sind nicht die leiblichen Eltern unserer Doris.

 

Und in diesemMoment ist für die Familie eine Welt zusammengebrochen?

EEVelin: Natürlich hatten meine Tochter und ich einen schweren Schock. Es hat relativ lange gedauert, bis wir uns wieder gefasst hatten. Die Nachricht ist ja derat unheimlich und unbegreiflich, die kann  man gar nicht verarbeiten im ersten Moment. Aber wir wussten von Beginn an, uns kann nichts trennen, wir werden immer Mutter und Tochter bleiben. Mir hätte nichts Besseres als dieses Kind passieren können.

 

Und wie ist es Ihnen, Doris, als 'Falsche' Tochter gegangen?

Doris: Für mich war's schon schlimmer als für meine Mutter. Ich habe in dem Moment, als die Verwechlung bestätigt wurde, am ganzen Körper gezittert.

 

Danach folgten sicherlich viele Tränen?

Doris: Ja, am Anfang hat es mich ordentlich mitgenommen. Auf so etwas ist man einfach in keistser Weise vorbereitet. das zieht dir zuerst einmal den Boden unter den Füssen weg.

 

Und was hat Ihr vater dazu gesagt?

Doris: dem haben wir es lange Zeit gar nicht erzählt. Meine Mutter und ich wollten die Information zuerst einmal für uns behalten. Verarbeiten, was das heißt, und in Ruhe nachdenken, was das für uns in Zukunft bedeutet.

 

Hatten Sie, Evelin; als Mutter Ängste?

Evelin: Ja. Einer meiner ersten Gedanken nach dem endgültigen Testergebnis war: Doris ist volljährig, sie kann mir nicht mehr weggenommen werden. Das schlimmste Szenario konnte also ausgeschlossen werden, somit war ich erleichtert.

 

Und was hat Ihr Mann nun von der schicksalshaften Verwechslung erfahren?

Evelin: Das war vor meinem 50. Geburtstag im vorigen Mai. Das nach den Testergebnissen sowohl die Grazer Uniklinik alas auch die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen aufnahmen, musste auch mein mann zu den Vorkopmmnissen befragt werden. Damit war klar, dass wir ihn jetzt einweihen müssen.

 

Und?

Evelin: Er hat so reagiert, wie ich erhofft habe. Seine ersten Worte waren: "Doris, du bist trotzdem unser Kind." Ihr um sieben Jahre jüngere Bruder Philipp hat gleich reagiert: "Ich habe nur eine Schwester - und das bis Du."

 

Wie ist Ihre Geschichte jetzt, so viele Jahre später, plötzlich an die Öffentlichkeit gelangt?

Evelin: Das wissen wir nicht. Für uns war es jedenfallsein Riesenschock, unsere ganz private Geschichte plötzlich in der Zeitung zu lesen. Meine Eltern haben zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gewußt, dass ich nicht Doris's biologische Mutter bin.

 

Apropos: Wissenschaftler streiten seit Jahrhunderten darüber, ob es eher die Biologische Abstammung oder die Erziehung ist, die einen Menschen prägen. Wie sehen Sie das? Erkennen Sie sich in Ihrer Tochter wieder?

Evelin: Natürlich! Wir sind beide gleich fröhliche Menschen, lachen gerne, versuchen das Leben positiv zu nehmen. Und schöne blaue Augen haben wir auch beide.

 

Hadern Sie mit Ihrem Schicksal? Ist es für Sie wichtig, ein offizielles Schuldeingeständnis des Landeskrankenhauses Graz zu bekommen, um von der Geschichte loszukommen?

Doris und Evelin: Ja, das würden wir uns wirklich sehr wünschen.

 

Im Jahr 2012 kam die Verwechslung durch das Blutspenden ans Licht. Die Grazer Uniklinik hatte also bislang gut drei Jahre Zeit, Ihr Gegenstück zu finden. Warum dauert das so lange?

Doris: Das wüssten wir wirklich auch gerne ...

 

Haben Sie Fantsie, wie Ihre leibliche Tochter denn sein könnte?

Evelin: Natürlich denkt man darüber nach. Wie schaut sie aus , wie lebt sie, was ist ihr bislang widerfahren. Aber im Endeffekt ist es nicht wichtig für mich. Allerdings hat meine Tochter sehr wohl das Bedürfnis, ihre biologische Mutter kennenzulernen.

 

Krone 23.1.2016 28 Frauen beim DNA - Test

Laut dem Grazer Uniklinikum kommen 200 Frauen infrage, die von der Verwechslung betroffen sein könnten. Diese musste laut offiziellen Angaben zwischen 15. Oktober und 20. November 1990 passiert sein. Die betroffene Mutter Evelin Grünwald gleubt alerdings, das man die Zahl der tatsächlich infrage kommenden Frauen auf eine weit kleiner Zahl beschränken kann. Die schicksalshafte Verwechslung in der Steirischen Krankenanstaltengesellschaft (Kages) als Spitalsbetreiber schon seit 2012 bekannt, man begann nachzuforschen.

Nach einer Selbstanzeige der KAGES begannen auch Staatsanwaltschaf und Polizei mit Ermittlungen. Die Justiz stellte das Verfahren allerdings Ende 2015 ein.

Begründung: Zum einen wüßte man nicht, ob das Vertauschen vorsätzlich passiert sei beziehungsweiuse wer überhaupt zur Verantwortung zu zeihen wäre. Außerdem sei der Fall verjährt.

Mit dem gestrigen Datum haben sich mittlerweile 28 Frauen freiwillig zum DNA-Test gemeldet. "Die ersdten Ergebnisse erwarten wir frühestens am Montag", sagte Kliniksprecherin Simone Pfandl-Pichler. Eine direkte Kontaktaufnahme mit den betroffenen sei rechtlich nicht möglich.